Nathan der Weise – aktueller denn je

Nathan der Weise ist das letzte Drama von Gotthold Ephraim Lessing. Es wurde 1779 veröffentlicht und 1783 uraufgeführt. Die im Text behandelten, der Aufklärung und dem Humanismus verpflichteten Fragen und Themen, wie Toleranz, Gleichheit aller Menschen und Religionsoffenheit besitzen heute noch eine große Aktualität.

Inhalt

Nathan der Weise spielt im Jerusalem zur Zeit des Waffenstillstands nach dem 3. Kreuzzug (ca. 1192). Die namensgebende Titelfigur, Nathan der Weise, ein jüdischer Kaufmann, kehrt nach einer längeren Geschäftsreise nach Jerusalem zurück und erfährt, dass sein Haus abgebrannt ist und seine Pflegetochter Recha in letzter Minute von einem jungen, christlichen Tempelherrn gerettet wurde. Diesem wiederum wurde von dem muslimischen Sultan Saladin nur zufällig das Leben geschenkt, weil er seinem verschollenen Bruder Assad ähnelte.

 

Einführung der Ringparabel

Als der Sultan Geldsorgen hat, bittet er Nathan zu sich als potentiellen Kreditgeber. Als der Sultan nach der richtigen Religion fragt antwortet Nathan der Weise mit der Ringparabel. Verblüfft von der Parabel und seiner Botschaft schließen Sultan Saladin und Nathan der Weise Freundschaft.

 

Wiedervereinigung der Familie

Als sich der junge Tempelherr und Recha wiederbegegnen, verlieben sie sich ineinander. Nathan allerdings macht sein Name, von Stauffen, stutzig und geht diesem nach. Als er schließlich an Aufzeichnungen eines Klosterbruders gelangt, der Recha damals zu ihm gebracht hatte, stellt sich heraus dass der junge Tempelherr und Recha Geschwister sind. Nicht nur das, sie sind eigentlich die Kinder des verschollenen Bruders von Sultan Saladin. Unter heftigen Umarmungen wird die somit gezeigte, enge Verwandtschaft der drei Religionen gefeiert.

 

Ringparabel

Berühmt wurde Nathan der Weise durch die Ringparabel. Nathan der Weise erzählt diese dem Sultan: In einer Familie gehörte es zur Tradition das zukünftige Familienoberhaupt durch die Weitergabe eines Ringes zu bestimmen. Als ein Vater sich nicht zwischen seinen drei Söhnen entscheiden konnte, ließ er zwei Duplikate anfertigen, die niemand voneinander trennen konnte. Somit konnte jeder der drei Ringe bzw. jede der drei Religionen die “echte” sein, was deren Anhänger durch Toleranz und Nächstenliebe zu beweisen versuchen sollten.
In der Ringparabel, die sich auch auf die Struktur des Stückes übertragen lässt, finden sich also bereits die zentralen Aussagen von Nathan der Weise: Ein Krieg unter den Religionen ist einem Bürgerkrieg, bzw. einem Familienzwist gleichzusetzen, da, wenn man nach der Parabel geht alle Religionen den gleichen Vater besitzen.
Die Fragen nach Toleranz und der Gleichheit aller Menschen wurden zu den treibenden Fragen der Aufklärung und wirken heute wieder aktueller denn je.

 

Funktionen und Charaktere der Figuren in Lessings Drama “Nathan der Weise”

 

Nathan

Nathan verkörpert von den drei Weltreligionen das Judentum und ist die titelgebende Hauptfigur, durch die die Handlungen des Lessingschen Dramas zu einem Strang verwoben werden. Trotz seines Reichtums widerlegt Nathan der Weise durch seinen Charakter das Klischee vom geldgierigen Juden. Auch steht er für Toleranz, da er sich vom orthodoxen Judentum gelöst und trotz zugefügter Schicksalsschläge durch Angehörige anderer Religionen ein Verständnis für diese entwickelt hat – nicht zuletzt durch seine Adoptivtochter Recha.

 

Der Tempelherr

Der Tempelherr ist die christliche Komponente in “Nathan der Weise”. Er ist ein temperamentvoller junger Mann, der sich von Vorurteilen leiten lässt. Er rettet Recha, aber nicht aus Nächstenliebe, sondern weil er wegen eines verlorenen Kreuzzuges nicht mehr leben will.

 

Der Sultan Saladin

Saladins Funktion in “Nathan der Weise” lässt sich als Verkörperung politischer Macht deuten. Er ist aber nicht nur verschwenderisch, sondern auch liberal. Das zeigt sich vor allem in der Schlüsselszene des Werkes “Nathan der Weise”, der Ringparabel.

 

Sittha

Sittha ist die Schwester des Sultans. Sie ist eine strategisch geschickte (durch das Schachspiel symbolisiert) und realistische Frau, deren Charakter sich außerdem durch Loyalität und Taktgefühl auszeichnet. So ist sie in dem Lessingschen Drama das Gegenstück zu den schwächeren Frauencharakteren.

 

Recha

Recha ist die als “Christenbaby” adoptierte Tochter von Nathan. Ihr Charakter ist beeindruckbar und schwärmerisch, bleibt in dem Drama eher blass und auf die Funktion beschränkt, die anderen Figuren stärker herauszubringen.

 

Daja

Daja ist die Gesellschafterin Rechas und verkörpert als überzeugte Christin eine eher engstirnige und wenig tolerante Figur.

 

Der Patriarch

Der Patriarch verkörpert den christlichen Fanatiker und hinterhältigen Gegner Nathans und Saladins. Sein Charakter ist geprägt von Intoleranz und Radikalität sowie dem Glauben an die eigene Unfehlbarkeit.

 

Der Klosterbruder

Der Klosterbruder ist ein früherer Diener von Saladins Bruder. Nun dient er dem Patriarchen als Spion. Obwohl er den Patriarchen wenig schätzt, intrigiert er für ihn. Dabei stellt er sich absichtlich ungeschickt an, um den Opfern der patriarchischen Machenschaften ein Ausweichen zu ermöglichen.

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